Mit einem Gewitter fing alles an. Am 26. August 1909 wanderte der Lehrer Richard Schirrmann mit seiner Schulklasse von Altena im Sauerland nach Aachen. In Hennef-Bröl (zwischen Bergischem Land und Westerwald) brach jedoch das Unwetter los - und Schirrmann wusste nicht, wohin mit den Kindern: Die Bauern der Umgebung wollten sie nicht aufnehmen. Schirrmann bat seinen Kollegen, der Klasse für eine Nacht in der Schule Herberge zu bieten. Die Bänke und Tische wurden beiseite gerückt, Stroh wurde ausgebreitet, und - nach einiger Zeit - kehrte Ruhe ein.
Wenn Klassen auf Reisen sind, dann ist es mit der Nachtruhe so eine Sache. Insofern hat sich in den vergangenen 89 Jahren nicht viel geändert. Ansonsten aber schon. Inzwischen gibt es in 65 Ländern der Welt Jugendherbergsverbände, der deutsche ist weltweit der größte: Hierzulande bieten 613 Jugendherbergen (JH) Unterkunft, die Übernachtung inklusive Frühstück kostet zwischen 15,50 Mark und 48 Mark. Dafür gibt’s dann aber auch ein Zweibettzimmer mit eigener Dusche und WC.
Voraussetzung ist allerdings die Mitgliedschaft im Jugendherbergswerk. Mehr als die Hälfte der rund 1,7 Millionen Mitglieder sind heute - Erwachsene. Die haben längst entdeckt, dass es sich lohnt, pro Jahr einen Beitrag von 32 Mark zu zahlen, um beispielsweise in einer Burg, in einem Schloss oder in einem großstädtischen Jugendgästehaus nächtigen zu dürfen.
Zudem bieten heute viele Häuser mehr als den guten alten Gemeinschaftsraum, wo gegessen, gesungen und geklönt wird: nämlich beispielsweise ein Lesezimmer oder eine Diskothek - und Freizeit- und Urlaubsprogramme vom Reiten über Selbsterfahrungkurse bis hin zum Golfspiel. Davon konnte Richard Schirrmann in besagter Gewitternacht allerdings nur träumen. Für ihn stand damals lediglich fest: Für die wandernde Jugend müssen Herbergen her. (…)
Annette Lüdtke, mit freundlicher Erlaubnis vom „General-Anzeiger“, Bonn, 14. März 1998
Bild:der erste Schlafraum der ersten Jugendherberge der Welt - heute im Original im Museum der Burg Altena zu besuchen