Zur Person:

Gustav Selve (28.2.1842 bis 7.11.1909) wurde in Lüdenscheid geboren. Es war die Zeit von Bismarck, vom Deutschen Kaiser und später der Gründung des Deutschen Reiches.

Er bekam eine solide und vor allem praktische Ausbildung die ihn zu einer glücklichen Kombination von Kaufmann und gleichzeitig Techniker machte. Er besuchte die Iserlohner Gewerbeschule, das Lüdenscheider Handelshaus Josephson + Quäbicker und die Maschinenfabrik Gerhard. Die väterliche Firma produzierte in sehr überschaubarem Umfang Messingsbleche und Drähte, er sollte diese 1883 übernehmen.

seine Frau:

Legendär ist auch seine Frau Marie Fischer, welche er 1872 heiratete. Von ihr ist nicht sehr viel überliefert, sie muß aber eine energische Frau mit viel Energie und Herz gewesen sein welche Ihren Mann tatkräftig unterstützte. Viele soziale Errungenschaften werden ihren Bemühungen zugesprochen. Bemerkenswert ist auch die Energie, mit der sie nach dem Tod von Gustav Selve sein Vermächtnis an seine Arbeiter durchsetzte: Gustav Selve hat jedem einzelnen seiner Arbeiter in seinem Testament eine Summe vererbt. Die Summe war gestaffelt nach Familienstand und Betriebszugehörigkeit und umfaßte mehrere Jahresgehälter.

die Stadt:

Die Bedeutung von Selve und seiner Firma für Altena kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Beschäftigten und ihre Angehörigen bildeten eine Stadt in der Stadt: rund ein fünftel der Bevölkerung gehörten dazu. Gustav Selve nannte man durch seinen politischen Einfluß „den König von Altena“ - ein wohlwollender Herrscher zwar, aber eben ein Herrscher. Und gegen jeden Herrscher regt sich Widerstand. Am Ende zog Selve den Schlußstrich und zog nach Hemer, später nach Bonn um.

die Sozialversicherung:

Vor herausragender Bedeutung ist Gustav Selve für die Entwicklung der heutigen Sozial-Versicherung. Zu seiner Zeit gab es keine Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung - solche Leistungen zu erbringen verteuert die Produktionskosten erheblich. Der riesige Erfolg von Gustav Selve brachte den Beweis, daß es lohnenswerter ist sich um die Mitarbeiter zu bemühen anstatt sie auszubeuten. Sein positives Beispiel hat vorgemacht wie es funktioniert. Die Sozialversicherung wurde später unter Bismarck eingeführt.

Sozialleistungen:

Die Mitarbeiter konnten günstig in firmeneigenen Konsum-Anstalten einkaufen, jedermann konnte das Bade-Haus kostenlos benutzen. Er beschäftigte 2400 Mitarbeiter für welche er sich verantwortlich fühlte und die er nicht - wie damals üblich - ausbeutete. Er baute überall großzügige Wohnungen und Häuser für seine Arbeiter, bemühte sich um den Arbeitsschutz und kümmerte sich auch außerhalb des Betriebes um die Mitarbeiter und Ihre Familien.

Lokal-Politik:

Der Wirtschaftsbürger Selve drängte die Stadtverwaltung, sich zu ihrer sozialpolitischen Verantwortung zu bekennen und sich um Leistungen für die Bürger zu bemühen: von der Müllabfuhr über die Energieversorgung bis hin zur Gesundheitsvorsorge. Zum Beispiel setzte er sich zur Verbesserung der Hygiene für den Bau eines Schlachthofes ein, wollte einen Neubau des Realgymnasiums oder plädierte für den kommunalen Arbeiterwohnungsbau um die schrecklichen Wohnbedingungen zu ändern.

Die Einstellung:

Gustav Selves Einstellung war stets eine Mischung aus Patriotismus und Sozialreform. Er glaubte an die Erziehungsfähigkeit der Menschen und die allgemeine Gültigkeit bürgerlicher Werte. Dahinter stand zugleich das Pflichtgefühl, für den sozialen Ausgleich zu sorgen und Sendungsbewußtsein.

Die Mitarbeiter:

Er achtete auf Qualität und verlangte viel von sich und seinen Mitarbeitern. Dabei verstand er es, seine Arbeiter zu motivieren. Es gab damals keine Renten- und Kranken- und Unfallversicherung. Deshalb wurden bei Selve die Kranken vom betriebseigenen Arzt behandelt. Damals auch ungewöhnlich: während der Krankheit wurde der Lohn weiter bezahlt und für das Alter sorgte eine Betriebsrente. Lungenkranke Arbeiter wurden nicht von Ihrer Familie getrennt sondern konnten in speziell dafür gebauten Wohnungen zusammen mit Ihren Familien wohnen.

Ein Technologie-Betrieb:

Der Betrieb spezialisierte sich nach und nach auf damals weithin unbekannte Technologien wie die Nickel-Verhüttung und befaßte sich mit neuen Werkstoffen wie Legierungen und Aluminium. Mit diesen Fähigkeiten konnte er Patronenhülsen und Münzen im Staatsauftrag fertigen. Mit Aluminium belieferte er zum Beispiel die Zeppelin Luftschiffbau Gesellschaft in Friedrichshaven.

Erfolg:

Selve starb am 7.11.1909 und hatte die von seinem Vater übernommene Fabrik zu einem multinationalen Konzern aufgebaut: er hatte Werke in Altena, Hemer, Lüdenscheid, verstreut im Rheinland, Sachsen, Ostpreußen, ferner in der Schweiz und Italien. Am Ende verdiente er 1,6 Millionen Mark pro Jahr. Zum Vergleich: ein Arbeiter Selves verdiente 1000 Mark im Jahr.

Werte :

Im wirtschaftsbürgerlichen Milieu des märkischen Sauerlandes standen die Werte Pflichterfüllung, Disziplin, Fleiß und auch soziales Verantwortungsgefühl ganz oben. Gustav Selve war Patriot, treu zum monarchischen Staat und glühender Monarchist. Auf Jubiläumsfesten gedachte er „unseres erhabenen Kaisers, dem hell leuchtenden Vorbild…“ und verehrte Bismarck, den „Eisernen Kanzler“. Es überrascht nicht, daß ihn der König 1888 ff. zum geheimen Komerzienrat ernannte - der höchsten Auszeichnung für verdiente und loyale Unternehmer.

der Typ:

Selve dachte innovativ und vorausschauend. Er entwickelte nicht nur Visionen sondern verwirklichte sie auch. Er war der typische Allein-Unternehmer für den jeder Teilhaber ein unnötiger Hemmschuh war. Für ein bürokratisches, juristisches oder schlicht umständliches Vorgehen fehlten dem Praktiker jedes Verständnis. Überliefert ist von Ihm sein Satz „Aber bitte vorwärts, vorwärts“.

die Firma:

Selve übernahm 1888 die Firma und lieh sich bei Freunden das Geld um seinen Geschäftspartner ausbezahlen zu können. Denn er plante er ehrgeizig einen Ausbau und war bereit auch Risiken einzugehen, während sein Partner eher an einer Verzinsung der Kapitaleinlagen interessiert war. Die Interessenskonflikte mit seinem Partner hatten zu viel Ärger geführt: nun konnte er endlich frei entscheiden. Die Erweiterung des Werkes die neuen Produktionsverfahren führen die Firma in eine Krise, man zahlte Lehrgeld.

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selve_kurz_informiert.txt · Zuletzt geändert: 2010/03/19 18:07 (Externe Bearbeitung)
 
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